Montag, 22. November 2010

Was ist noch mal dieses Lean?

Lean hat jeder schon mal gehört. Und alle finden es irgendwie cool. Aber was genau Lean eigentlich ist, kann kaum jemand sagen. Das liegt allerdings nicht daran, dass die Leute zu blöd wären, um Lean zu verstehen. Vielmehr bin ich inzwischen überzeugt davon, dass es das eine Lean gar nicht gibt. Denn es werden unterschiedliche Vorstellungen und Konzepte unter der Bezeichung Lean zusammengefasst. Das reicht dann von der Kostenreduktion um jeden Preis über Einfachheit bis hin zur recht jungen Community der Lean Startups. Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass wir das Thema Lean Production in der Oberstufe behandelt haben. Das Einzige, was daraus bei mir hängen geblieben ist: Durch die Just-in-Time-Produktion haben die Automobilhersteller ihre Lager auf die Straße verlegt. Also kann Lean offenbar auch bedeuten, die Kosten, die bei der eigenen Verbesserung entstehen, auf die Allgemeinheit abzuwälzen;-) 
Was ist Lean also: Eine Produktionsmethode? Eine Managementphilosophie? Oder doch nur ein (nicht mehr ganz so) neues Schlagwort, unter dem uns alte Kamellen als tolle Neuerungen verkauft werden sollen? Sicherlich ist überall etwas Wahres dran. Für mich liegt der Kern jedoch in etwas Anderem: Lean ist eine Blickweise, bei der konsequent die Perspektive des Kunden eingenommen wird! In Lean geht es darum, möglichst häufig möglichst viel Wert für den Kunden auszuliefern. Alles, was diesem Wert abträglich ist, sollte reduziert oder abgeschafft werden. Und wir wollen uns immer weiter verbessern. Punkt. So einfach ist die Sache. Dies ist der Kern von Lean. 
Worin dieser Wert besteht (und wer der Kunde ist), wird je nach Kontext variieren: Es kann sich ebenso um Geld handeln wie um Wissen, Zeit, Sicherheit oder vielleicht auch Spaß. Dieser Wert lässt sich oft nicht eindeutig quantifizieren, aber es muss ihn geben. Andenfalls sollte man sich ernsthaft fragen, womit man eigentlich seine Zeit verbringt, wenn dabei nichts herauskommt, was für irgend jemanden von Wert ist.
Nimmt man diese Sichtweise ein, dann ist Lean keineswegs auf die Geschäftswelt beschränkt, sondern lässt sich auch auf die Freizeit anwenden. Dann kann ich auch mein eigener "Kunde" sein, und der "Wert" z.B. eines Spaziergangs besteht in meiner Erholung. Aus einer Lean-Perspektive heraus könnte ich mich dann fragen, wie ich mich möglichst oft möglichst vollständig erholen kann. Vielleicht ist die lange Fahrt ans  Meer ein Hindernis für mich, und ich sollte mal nach einer netten Strecke in meiner Umgebung suchen? Oder ich brauche eine winddichte Jacke, damit ich mich auch im Herbst aus dem Haus traue? 
Wenn Lean aber tatsächlich so einfach ist, was hat es dann mit den vielen Schlagworten auf sich, die überall herumgeistern: Defer Commitments, Pull, Optimize the Whole, Build Quality in, Limit Work to Capacity und viele weitere? Hierbei handelt sich sich um Prinzipien, die sich als nützlich herausgestellt haben, um Strukturen und Prozesse in Richtung Lean zu verändern. Sie alle haben ihren festen Platz im Lean-Universum - aber keines dieser Prinzipien an sich macht Lean aus. Sie alle spielen eine "dienende Rolle" bei der Fokussierung auf den Wert für den Kunden. Und wenn wir uns in einer komplexen Domäne wie der Softwareentwicklung bewegen, ist es ja tatsächlich gar nicht so einfach zu entscheiden, wie genau so eine Fokussierung denn nun aussehen soll. Da sind solche Prinzipien dann sehr nützlich.
Unterhalb dieser Prinzipien wird es dann noch einmal konkreter, wenn wir uns die Praktiken ansehen, die allgemein hin als Lean angesehn werden: Stop the Line und Root Cause Analysis wären solche Praktiken. Und viele der agilen Managementtechniken und der Entwicklungspraktiken, die aus XP bekannt sind, ebenfalls. Doch dazu mehr in einem späteren Post.

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