Mittwoch, 23. März 2011

Kanban – die eierlegende Wollmilch-Methode?


In letzter Zeit war ich viel unterwegs und habe eine Reihe Vorträge und Workshops zu Kanban gehalten. Danach gibt es (zum Glück) eigentlich immer so viele Fragen, dass man bis spät in die Nacht weiterdiskutieren könnte. Die Fragen drehen sich meist um die Unterschiede zwischen Scrum und Kanban (wobei ich immer mehr Wert auf die Gemeinsamkeiten anstatt die Unterschiede lege) und um Detailfragen und die Mechaniken von Kanban: „Dürfen und sollen Karten auf dem Board wieder zurück geschickt werden (z.B. wenn die Tester einen Fehler finden)?“, „Wer sorgt dafür, dass die WIP-Limits eingehalten werden?“, „Wie geht man mit Prio-1-Bugs um?“ Usw. Und dann gibt es noch eine andere Sorte von Fragen, auf die ich bisher schlecht vorbereitet war, weil sie für mich völlig unerwartet kamen: „Wie kann ich mit Kanban meine Schätzungen verbessern?“, „Wie führe ich erfolgreiche Festpreis-Projekte mit Kanban durch?“ oder „Wie kann ich meine Teams mit Kanban skalieren?“ Ich muss dann immer kurz nachdenken, was darauf wohl die beste Antwort ist. Inzwischen bin ich mir aber sicher, dass die Antwort immer gleich lauten muss, und zwar: „Gar nicht!“
In den aufgeführten Beispielen geht es um Probleme, die nichts mit Kanban zu tun haben und die sich auch nicht durch Kanban lösen lassen. Kanban gibt uns die Chance, schnell Transparenz über unseren Prozess und die Verteilung der Arbeit zu bekommen, die Durchlaufzeit zu verkürzen und zur richtigen Zeit die richtigen Diskussionen zu führen – z.B. weil wir plötzlich durch die WIP-Limits Leerlaufzeiten haben.  In diesem Sinne hilft uns Kanban als Change-Management-Methode, Probleme wie ungenaue Schätzungen schnell zu erkennen (wenn sie uns nicht eh schon bekannt sind) und immer wieder den Finger in die Wunde zu legen, bis es uns irgendwann gelingt, diese Probleme zu lösen. Was wir aber genau tun müssen, um diese Probleme zu lösen, darüber schweigt sich Kanban zu Recht aus.
Was mich erstaunt, ist die Erwartung, eine Methode wie Kanban würde alle unsere Probleme lösen. Schlimmer noch: Ich habe den Eindruck, einige Leute suchen eigentlich nur „Argumente“, warum Kanban für sie nicht geeignet ist, nach dem Motto: „Wenn Kanban mir nicht sagt, wie ich mein Team von 10 auf 100 Personen skalieren kann, dann ist es eine schwache Methode.“ Wenn Skalierung gerade mein größtes Problem ist, dann würde ich tatsächlich nicht als nächstes Kanban einführen, sondern mich umsehen, welche Methoden konkrete Lösung für Skalierungsprobleme bieten. Aber ich würde deshalb Kanban nicht schlecht machen. Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, auf einen Vorschlaghammer zu schimpfen, weil man damit schlecht Parkett abschleifen kann!
Gleichzeitig können wir, die wie versuchen, Kanban populärer zu machen, uns offensichtlich noch deutlich verbessern in unseren Erklärungen. Wenn Kanban als eierlegende Wollmilch-Methode wahrgenommen, dann sind wir wahrscheinlich mit für diese hohen Erwartungen verantwortlich und sollten in Zukunft klarer machen, wo die Chancen und die Grenzen von Kanban liegen.