Donnerstag, 21. Juli 2011

Warum ist Kanban evolutionär?

(want to read this post in English? Paste the text into http://wordmonkey.info/ - it works amazingly well!)

Neulich habe ich zusammen mit meinem Freund, Kollegen und Chef Henning Wolf auf einer Konferenz ein kleines Schauspiel aufgeführt. Darin tu ich so, als sei ich ein schlauer Kanban-Berater, während Henning einen Projektleiter mimt (etwas schwer von Begriff), der seinen Entwicklungsprozess mit Hilfe von Kanban verbessern will. Die beiden treffen sich seit Jahren zufällig auf der Straße wieder und diskutieren über Kanban (zum Glück hängt da gerade ein Whiteboard mit Haftnotizen an einer Häuserwand hinter ihnen). In meiner Rolle als Berater bin ich dann etwas abgeschweift und habe etwas von Giraffen, Schildkröten und Eisbären erzählt. Irgendwann merkte ich, dass Henning mich ziemlich ungläubig anblickte und schnell das Thema wechselte. Also muss ich das wohl noch mal in aller Ruhe erzählen. Hier kommen sie also: Giraffen, Schildkröten und Eisbären...

Kanban wird häufig als evolutionäre Change-Management-Methode bezeichnet. Der Grund dafür liegt darin, dass Änderungen in Kanban meist in sehr kleinen Schritten durchgeführt werden. Dasselbe gilt für die Evolution (hier gibt es zwar gelegentlich so genannte Makro-Mutationen, diese setzen sich aber nur sehr selten durch). Und neben diesen kleinen Veränderungs-Schritten gibt es noch eine zweite Parallele zwischen Kanben und der Evolution:  Richard Dawkins – einer der bekanntesten Evolutionsbiologen überhaupt – hat einmal gesagt: „Die Evolution bewegt sich ganz, ganz langsam nirgendwo hin.“ Gemeint ist, dass es keinen Zielzustand gibt, auf den sich die Evolution zubewegt. Vielmehr verändern sich die verschiedenen Spezies immer weiter – und zwar so, wie es am Günstigsten für ihre jeweilige Umwelt ist. In diesem Sinne sollten auch Kanban-Systeme betrachtet werden: Sie sind niemals „fertig“, sondern entwickeln sich stets weiter, es gibt keinen vorher definierten oder auch nur bekannten Endzustand. Natürlich verfolgt man mit der Einführung von Kanban bestimmte Ziele. Aber man verschenkt große Teile des Potenzials von Kanban, wenn man Halt macht, sobald diese Ziele erreicht sind.
Und die Analogie mit der Evolution macht noch einen weiteren Punkt deutlich: Die Evolution hat Arten hervorgebracht, die (nahezu) perfekt an ihre speziellen Lebensbedingungen angepasst sind. Nehmen wir die Giraffen: Auf den ersten Blick sind das ziemlich merkwürdige Tiere: Unglaublich lange Hälse, merkwürdige Flecken und dann diese "Antennen" auf dem Kopf. Natürlich hat das aber alles seinen Zweck: Die Hälse ermöglichen ihnen, Blätter aus großen Höhen zu fressen; die Flecken könnten nützlich sein, wenn es darum geht, vor Raubtieren zu flüchten, denn Giraffen sind Herdentiere, und hier wirken solche Flecken Konturen-auflösend; und die "Antennen" sind in wirklichkeit verkümmerte Geweihe, die nützlich sind, sich stachelige Akazien vom Kopf fern zu halten. (Es gibt im Internet übrigens Verschwörungstheorien, die behaupten, es seien in Wirklichkeit doch Antennen, und die Hälse seiein so lang, weil der Empfang in der Savanne so schlecht ist).
Ebenso wie Giraffen sollte auch jedes Kanban-System so gut wie möglich an seine jeweilige "Lebensbedingung" angepasst sein - und sich immer weiter anpassen. Aus diesem Grund wird jedes lebendige Kanban-System nach einer Weile individuell aussehen. Für einen Eisbären wäre es wahrscheinlich eher kontraproduktiv, einen langen Hals zu haben. Und für Schildkröten ist es schon ganz gut, dass sie einen harten Panzer und Schwimmflossen haben anstatt Hufe und kurze Geweihe.
Zurück zu Kanban: Wer einfach nur eine bestehende Kanban-Implementierung kopiert, wird damit wahrscheinlich keinen Erfolg haben. Die Kanban-Mechaniken allein sind noch keine Erfolgsgarantie - man muss sie auch auf den eigenen Kontext anwenden und regelmäßig anpassen.

Bei allen Ähnlichkeiten gibt es natürlich auch etliche Unterschiede zwischen der Evolution und Kanban. Hier ist insbesondere die "Willkür" zu nennen, mit der die Evolution funktioniert. Nach dem Darwin-Algorythmus gibt es in der Natur immer wieder Variationen bei einzelnen Individuen, die ihre Überlebensfähigkeit beeinflussen. Wenn diese Veränderungen vorteilhaft sind (und nur dann), wird sich das Individuum erfolgreich fortpflanzen und damit die Veränderungen langfristig weitergeben. In Kanban wäre es hingegen grob fahrlässig, wenn wir einfach irgendwelche Veränderungen durchführen würden und dann zu hoffen, dass sich dadurch unser System verbessern würde. Stattdessen stellen wir anhand unserer Erfahrung und unserer Daten Hypothesen darüber auf, welche kleinen Veränderungsschritte als Nächstes sinnvoll sein könnten und überprüfen diese Hypothesen dann regelmäßig.
So kann es dann sein, dass dabei das Kanban-Schnabeltier entsteht:-)


Literatur
Richard Dawkins (1998): Das egoistische Gen. Springer-Verlag.