Sonntag, 30. Oktober 2011

Zu viel Innovation?

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Ich wundere mich in letzter Zeit immer wieder darüber, wie viele Firmen damit werben, wie innovativ sie sind. Entweder tragen Sie "Innovation" (oder Bestandteile daraus) schon im Firmennamen, oder sie haben einen Slogan o.ä., der anpreist, wie innovativ sie sind.
Angenommen, ich möchte einer Frau imponieren. Ist es dann eine gute Idee zu behaupten: "Ich bin übrigens total witzig"? Oder sollte ich nicht lieber einfach witzig sein, und ihr so meinen Humor beweisen?
Ähnlich ist es mit der Innovation. Wenn eine Firma behauptet, sie sei innovativ, dann weckt das bei mir Misstrauen. Falls sie wirklich innovativ ist, warum muss sie es dann behaupten? Warum ist sie nicht einfach innovativ? In diesem Sinne wäre es meiner Meinung nach viel cleverer, mit dem Slogan zu werben: "Wir sind nicht innovativ!" In einer Zeit, in der jedes Unternehmen damit wirbt, wie innovativ es angeblich ist, wäre es tatsächlich innovativ, das Gegenteil zu behaupten.

Aber ich habe noch ein anderes Problem mit Innovation, denn Innovation bedeutet ja eine große, sprunghafte Verbesserung. Das hört sich erst einmal klasse an. Aber brauchen wir wirklich ständig Innovationen? Und erwarten das unsere Kunden von uns? Ich glaube nicht!

  • Von meiner Krankenkasse wünsche ich mir, dass sie etwas längere Öffnungszeiten hat;
  • Von meinem Telefon-Anbieten wünsche ich mir, dass er endlich seine Tarife vereinfacht, so dass man die Unterschiede als Normal-Sterblicher verstehen kann. 
  • Von vielen Herstellern von Web-Tools wünsche ich mir, dass die Tools stabiler laufen und intuitiver zu benutzen sind;
  • Und von Suchmaschinen wünsche ich mir, dass die bessere Suchresultate liefern und vielleicht noch etwas schneller sind. 
Ist davon irgendetwas besonders innovativ? Nein! Natürlich freue auch ich mich, wenn es einmal wirkliche Innovationen gibt (die mir persönlich dann auch noch zugute kommen). Und für viele Unternehmen sind Innovationen sicherlich die einzige Chance, auf einen Markt zu gelangen oder sich am Markt zu behaupten. Aber ich habe den Eindruck, wir stehen uns mit unserer Vorstellung, es müsste immer alles furchtbar innovativ sein, oft selbst im Wege. Vermutlich gibt es sehr viele Situationen, in denen viele kleine Verbesserungen sinnvoller (und auch einfacher) sind als die großen Innovationen.

Dasselbe gilt nicht nur für Produkte, sondern auch für Prozesse. Im Buch Kaizen von Masaaki Imai gibt es dazu einen interessante Abschnitt. Der Autor argumentiert, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen westlicher und Japanischer Auffassung davon gibt, wie Verbesserung vonstatten geht und wer dafür zuständig ist. In unserer westlichen Denke findet Verbesserung in Form von Innovationen statt - und zuständig für diese Innovation ist das obere Management.
In Japan (zumindest im Lean Manufacturing) hingehen gibt es neben Innovation auch Kaizen als Weg zur Verbesserung, also die Verbesserung in vielen kleinen Schritten. Jeder Mitarbeiter im Unternehmen ist dafür verantwortlich, dass Kaizen stattfindet. Interessanterweise ist ein Manager umso mehr mit Kaizen beschäftigt, je höher er in der Firmenhierarchie steht. Von Top-Managern wird Imai zufolge erwartet, dass sie bis zu 50% ihrer Anstrengungen in Kaizen investieren.

Ich will hier keine Unterscheidung aufmachen nach dem Motto "Innovation ist schlecht, Kaizen ist gut". Ich glaube aber, es lohnt, immer wieder darüber nachzudenken, wie viel Innovation wir wirklich brauchen und wann es sinnvoller ist, unsere Anstrengungen in viele, kleine Verbesserungen zu investieren. In diesem Zusammenhang finde ich insbesondere die Rolle des Managements spannend: Sehen Manager ihre Verbesserungs-Aufgaben in erster Linie darin, immer wieder geniale Innovationen zu ersinnen? Oder sollte es nicht auch einen großen Teil ihres Jobs ausmachen, selbst Möglichkeiten für Kaizen zu erkennen, vor allem aber eine Umgebung zu schaffen, in der Verbesserung in Form von Kaizen von allen Mitarbeitern herbeigeführt werden können?